Erfahrungsberichte
Welche Erfahrungen Erwachsene, Kinder und Jugendliche mit dem Mentorenprogramm von Big Brothers Big Sisters Deutschland gemacht haben, erzählen einige von ihnen hier.
Was ist eigentlich Deine Lieblingsfarbe?
Mentorin Ursula Engels über Muffins und Maislabyrinthe
„Was ist eigentlich deine Lieblingsfarbe? Und welches ist dein Lieblingstier?“ Fragen Sie mich ruhig nach der Anzahl der EU-Mitgliedstaaten oder der Funktionsweise eines Makros, das könnte ich vermutlich im Halbschlaf beantworten. Diese harmlosen Erkundigungen hingegen haben mich hinterrücks überfallen – irgendwann müssen sich meine Prioritäten unbemerkt verlagert haben … Seit einigen Monaten jedoch betrachte ich die Dinge wieder häufiger durch Kinderaugen.
Über das gemeinnützige und unabhängige Programm Big Brothers Big Sisters Deutschland bin ich Teil eines Tandems geworden und treffe mich seitdem einmal wöchentlich mit meiner neuen „kleinen Schwester“. Im Rahmen des Programms sollen weder kostenlose Nachhilfestunden geleistet noch eine teure Freizeitgestaltung angeboten werden – der Mentor schenkt schlicht und einfach Zeit und Aufmerksamkeit. Die Kinder kommen aus ganz unterschiedlichen Lebensverhältnissen, allen Kindern gemeinsam ist, dass sie von dieser zusätzlichen Unterstützung profitieren. Ein Junge bekommt immer einen Mentor, ein Mädchen eine Mentorin; Mentor und Kind werden während der gesamten Zeit durch ein kompetentes Team aus einer der sechs Regionalstellen betreut. Ein ebenso einfaches wie wirksames Prinzip, das sich seit mittlerweile mehr als 100 Jahren bewährt hat. Ein Tandem wird nach ausführlichen Gesprächen und unter Berücksichtigung der Interessen zusammengestellt, und ich war überrascht, wie gut das funktioniert. Meine kleine Schwester und ich haben sogar die Kennenlern- und Aufwärmphase einfach übersprungen. Beim ersten Treffen stand sie strahlend vor mir und rief: „Ich hab mich schon so auf dich gefreut!“ – damit war die Sache geritzt, sie hatte mich einfach hoffnungslos um den Finger gewickelt. Seitdem haben wir gemeinsam unzählige Muffins, Waffeln und Pizza gebacken („Guck doch mal, wie SCHNELL die Küchenmaschine ist!“), Museen, Stadtteilfeste und die Neckarwiese unsicher gemacht, uns durchs Maislabyrinth gekämpft und allerlei alltägliche Beobachtungen angestellt.
Unser samstäglicher Termin stellt zwar eine größere Umstellung für die Wochenendgestaltung dar, als ich mir das vorher ausgemalt hatte, und ja – gelegentlich werden auch mal die Nerven etwas strapaziert. All das macht meine kleine Schwester aber wett, z. B. mit der ersten Postkarte aus dem Urlaub (Sie fuhr an die Ostsee und fragte mich: „Gibt's denn da auch ein Meer?“):
„Liebe Ursula, ich vermisse dich sehr. Ich freue mich schon darauf, wenn wir uns wiedersehen.“
Wem da nicht das Herz aufgeht, der hat wohl keins.
Für mich hat sich das Mentoring bislang als klassische Win-win-Situation erwiesen. Umso mehr freue ich mich, dass die diesjährige Spende von EXACT! auch an Big Brothers Big Sisters Deutschland gehen wird; finanziert werden damit die Regionalstellen.
P.S.: Ich habe mich für Lila und Zebra entschieden. Wurde mit Begeisterung aufgenommen.
Ursula Engels, Übersetzerin bei EXACT! Sprachenservice und Informationsmanagement GmbH in Mannheim
Reise in eine andere Welt
Marco und Mario, Polizeibeamter in Frankfurt
Polizeibeamter, Marathonläufer, Vater einer volljährigen Tochter – eigentlich könnte man vermuten, dass jemand damit alles erreicht hat, was er sich im Leben vorgenommen hat. Mario Kuch aber fand, dass da noch etwas offen ist. Er wollte sich ehrenamtlich engagieren, jedoch nicht zu bestimmten Uhrzeiten oder an Vereine gebunden. Der 46-Jährige suchte etwas Persönliches, wo er nach seinem eigenen Rhythmus gestalten kann. Als er in der Zeitung von Big Brothers Big Sisters las und erfuhr, dass viele Jungen in Frankfurt auf einen Mentor warten, hatte er gefunden, was er suchte.
Seit April 2011 trifft er Marco, Sohn einer alleinerziehenden Mutter in Offenbach – meistens dienstags für zwei Stunden. Sport ist dabei für beide ein wichtiges Thema. „Ich habe keine Geschwister, und meine Mama ist nicht so sportlich“, sagt der Junge. Sein Mentor berichtet: „Ich habe ihm Turnschuhe besorgt, gezeigt, wie man die Schnürsenkel bindet, und dann habe ich langsam versucht, ihn an den Laufsport heranzuführen.“ Mit Erfolg, denn der Neunjährige dreht jetzt sogar mal allein seine Runden: „Mario hat mir vorgeschlagen, ein Viereck um die Häuser zu laufen, einmal abbiegen, nochmal abbiegen, dann nochmal abbiegen, dann ist man wieder hier. Das sind dann 320 Meter. Gestern habe ich das vier Mal geschafft!“ erzählt er stolz.
Doch das Lernen ist durchaus gegenseitig. Der Junge spielt Tischtennis im Verein, der Mentor dagegen hat „einen Tischtennisschläger seit meiner Jugend nicht mehr in der Hand gehabt. Das ist total herrlich, diese Erfahrung zu machen.“ Für ihn sind die Treffen „wie die Pendelei in eine andere Welt“. Und auch Marco macht viele neue Erfahrungen: Spannend ist für ihn schon allein die Tatsache, mal in einem Auto mitgenommen zu werden. Dann noch durch eine Waschanlage zu fahren ist ein Erlebnis, von dem er seiner Mutter sofort berichtet. Sie hatte von einer Lehrerin den Hinweis auf Big Brothers Big Sisters bekommen und findet, ihr Sohn habe sich positiv verändert: „Er ist ruhiger geworden. Auf die Treffen mit seinem Mentor freut er sich immer sehr.“
Beide haben auch zusammen den Tag der offenen Tür beim Frankfurter Polizeipräsidium genutzt – eine gute Gelegenheit für den Mentor, um zu zeigen, wo er arbeitet. Dort konnte Marco sich mal auf ein Motorrad und in ein Polizeiauto setzen, Polizeiutensilien anschauen und eine nachgestellte Geiselbefreiung beobachten. Ursprünglich wollte er Tierpfleger werden, jetzt könnte er sich auch den Beruf Polizist vorstellen.
Mario Kuch ist sich bewusst, wie wichtig er für Marco ist, der in ihm einen „großen Bruder“ sieht und das nächste Treffen kaum erwarten kann. Gefragt, ob er noch einen großen Wunsch hat, was er zusammen mit seinem Mentor unternehmen möchte, antwortet der Junge ebenso spontan wie nachdrücklich: „Ja, ins Schwimmbad gehen!“
„Es tut Anton wirklich gut“
Ein Erfahrungsbericht aus Hamburg
Im Volksdorfer Wald klettern, mit dem Kanu durch die Kanäle der Außenalster schippern, entdecken, wie eine Müllsortieranlage aussieht – lauter kleine Abenteuer des Alltags erlebt Jörg Borack, und das nicht allein, sondern immer in Begleitung seines Schützlings Anton. Seit Juli 2010 sind beide ein Tandem bei Big Brothers Big Sisters.
Der 41-Jährige arbeitet im Bereich Marketing einer Versicherungsgesellschaft. Alle zwei Wochen unternimmt er für einige Stunden etwas mit Anton. „Meine Aktivitäten mit dem Jungen sind ein guter Ausgleich zu meiner Arbeit, die sich doch mehr am Schreibtisch abspielt. So mache ich viele Dinge, die man gewöhnlich als Erwachsener nicht macht. Wann unternimmt man schon eine Elbefahrt?“, erzählt Jörg Borack, der mit seiner Lebenspartnerin in Hamburg lebt. Er hat sich für das ehrenamtliche Engagement bei Big Brothers Big Sisters entschieden, um einen Jungen zu fördern und andere Lebenswelten kennenzulernen.
Der Mentor schätzt die professionelle Betreuung durch die gemeinnützige Organisation, die er bei einem Infoabend kennengelernt hat und die ihn als Mentor laufend berät. Nach einem mehrstufigen Aufnahmeverfahren, zu dem unter anderem ein persönliches Gespräch gehört, vermittelte ihm Big Brothers Big Sisters Hamburg einen Schützling, der von seinen Interessen und Erfahrungen her gut zu ihm passt. Anton, der ohne seinen Vater aufwächst, lernte er dann bei der Familie zuhause in Hamburg-Horn kennen.
Die beiden haben schon jede Menge unternommen. Sie waren im Altonaer Museum und im Rennwagenmuseum, haben ein U-Boot besichtigt, den Flughafen samt Rollbahn angeschaut und waren Schlittschuh laufen. Und hinterher essen beide immer noch zusammen, um in Ruhe miteinander zu reden. Ein wichtiger zusätzlicher Ansprechpartner und Rollenvorbild, das ist Jörg Borack für Anton. Und der 14-Jährige ist hörbar begeistert. „ Im Alltag erzählt Anton viel von Jörg“, berichtet seine Mutter: „Jörg hat gesagt…“, „Jörgs Hund hat getan…“. Sie wünscht sich ebenfalls, dass das Tandem noch möglichst lange hält: „Es tut Anton wirklich gut.“
Ein großer und ein kleiner Maximilian
Ein Tandem aus Hamburg erzählt
Max hat eigentlich nur große Brüder. Dabei wünscht er sich schon immer einen kleinen. Maxi hingegen findet das ziemlich verrückt, denn er hat schon einen kleinen Bruder. Den hat er auch sehr lieb, aber manchmal würde er trotzdem viel lieber etwas mit jemand anderem, älterem unternehmen.
Also hat Maxis Mama sich erkundigt, was man da machen könnte. Dabei ist sie auf ein Programm gestoßen, das sich „Big Brothers Big Sisters“ nennt. Das ist englisch und heißt übersetzt „Große Brüder Große Schwestern“. Die Leute dort vermitteln Kindern einen Mentor, weil sie glauben, dass das gut ist für die Entwicklung von jungen Menschen. Mentoren sind Erwachsene, die Lust haben, sich um ein Kind zu kümmern und mit ihm ganz viel zu unternehmen. So wie der große Max.
Beim ersten Treffen waren wir noch ein bisschen aufgeregt. Man bekommt ja schließlich nicht alle Tage einen neuen Bruder. Aber das hat sich schnell gelegt. Jetzt treffen wir uns jede Woche und machen viele tolle Sachen miteinander.
Wir waren zum Beispiel im Kino. Der große Max ist Reporter und schreibt manchmal über Filme in den Kindernachrichten, damit ihr Bescheid wisst, wenn etwas Spannendes im Kino läuft. Aber als wir zusammen Disneys „Weihnachtsgeschichte“ in 3D angeschaut haben, konnte Max entspannen. Die Filmkritik danach hat nämlich Maxi abgeliefert. Max hat ihn einfach nach seiner Meinung gefragt und die dann an die Redaktion geschickt. Dann stand Maxis Name in der Zeitung, da war er mächtig stolz!
Aber natürlich machen wir nicht jede Woche so außergewöhnliche Sachen. Manchmal sind wir auch einfach nur in Maxis Zimmer und lesen, spielen oder machen eine Kissenschlacht. Oder wir gehen auf den Abenteuerspielplatz. Da hat Maxi seinem Mentor ganz viele Klettertricks gezeigt. Dafür konnte Max beim Tischtennisspielen im Hinterhof seinem kleinen Bruder noch ein paar Tipps geben.
Und genau das ist das Besondere an unserer Freundschaft: Anders als zum Beispiel in der Schule, lernt hier der Kleine nicht nur vom Großen, sondern auch umgekehrt. Aber vor allem haben wir einfach viel Spaß miteinander.
MAXIMILIAN (MAXI) UND MAXIMILIAN GEYER (MAX)
Wolfgang und Enes
"Wenn wir etwas miteinander unternehmen, bin ich in einer ganz anderen Welt. Mentoring ist eine Zeitmaschine für mich – ich fühle mich 35 Jahre jünger!"
Wolfgang Nonnenmacher
"Bei unseren Treffen freue ich mich am meisten darauf, dass Wolfgang mir zuhört. Ich habe schon viel dazugelernt, vor allem über Autos, und ich kann besser Tischtennis spielen. Wir haben immer richtig viel Spaß, weil Wolfgang viele Scherze macht. Unser schönstes Erlebnis war, als wir Minigolf gespielt haben."
Enes, 13 Jahre
Kathrin und Sara
"Mentoring macht mir Freude, weil man so unheimlich tolle Sachen zusammen macht, die man sonst nicht machen würde. Man unternimmt ganz andere Aktivitäten, sieht viel mehr und bekommt die Augen geöffnet für Neues. Uns gehen nie die Ideen aus, was wir gemeinsam unternehmen könnten. Wir gehen gemeinsam ins Museum, Eislaufen oder bummeln. Aber wir backen und kochen auch oft. Von Sara habe ich gelernt, wie man Spaghetti wie eine richtige Italienerin kocht."
Kathrin Schönmann
"Mit Kathrin kann man super quatschen. Am liebsten backe ich mit ihr zusammen, das kann ich jetzt viel besser. Wenn wir zusammen ins Museum gehen, erklärt sie mir alles, was ich nicht verstehe."
Sara, 15 Jahre
Anselm und Daniel
"Ich finde es toll, dass ich für jemanden da sein kann, für den ich eine wichtige Person bin. Am liebsten gehen wir zusammen Schlittschuhlaufen. Es ist wichtig für Daniel, dass er einen zusätzlichen Ansprechpartner hat, mit dem er offen sprechen kann und dem er sich anvertrauen kann."
Anselm Breier
"An Anselm finde ich toll, dass er sich nie aus der Ruhe bringen lässt. Ich bin nämlich oft zappelig. Aber seit wir uns treffen, bin ich viel ruhiger geworden und kann auch besser mit anderen Kindern spielen. Wir machen viele neue Sachen zusammen. Anselm zeigt mir, wie Kampfsport geht und wie man angelt. Wir waren zusammen am Finkenbach und haben Forellen gefischt. Das hat Spaß gemacht."
Daniel, 8 Jahre
Gabriele und Cynthia
"Durch die Treffen mit Cynthia bekomme ich sehr viele Anregungen. Wir spielen auch mal gemeinsam ein Computerspiel, das würde ich alleine wahrscheinlich nicht ausprobieren. Auch freue ich mich, wenn Cynthia mir von der vergangenen Woche erzählt, was sie alles so erlebt hat.
Es gibt fast nichts, was wir nicht zusammen machen können. Das Tolle ist, dass wir beide sehr neugierig sind und gerne alles ausprobieren. Demnächst wollen wir in die Oper gehen."
Gabriele Held
"Am liebsten gehen Gabriele und ich zusammen ins Museum. Vor allem ins Technik-Museum, dort haben wir schon mal ein Flugzeugmodell designt und gebastelt. Jede Woche erzählen wir uns, was in der letzten Woche alles passiert ist. Das ist schön, weil sie so gut zuhören kann. Am tollsten fand ich es, als wir zusammen etwas gekocht haben, und den Nachtisch habe ich ganz alleine gemacht. Der hat super-lecker geschmeckt! Im Winter gehen auch wir Schlittschuhfahren. Das konnte ich am Anfang nicht, aber Gabriele hat es mir gezeigt."
Cynthia, 11 Jahre
Abwechslung zur Schreibtischarbeit
Eine Studentin beschreibt, weshalb sie sich als Mentorin engagiert.
Da ich aus eigener Erfahrung weiß wie schön es sein kann, eine vertraute Person außerhalb des familiären Umfelds, gerade im Teenageralter, zu haben, hat mich die Idee, welche hinter Big Brothers Big Sisters steht, sofort begeistert. Ich konnte mir gut vorstellen, Ansprechpartnerin für eine Jugendliche zu sein, mit ihr Dinge zu unternehmen, sie möglicherweise bei der Berufswahl zu unterstützen oder einfach nur ein offenes Ohr für sie zu haben. Darüber hinaus war ich mir sicher, dass es mir nicht schwer fallen würde, mich in sie und ihre aktuelle Situation hineinzuversetzen. Schließlich ist meine eigene Teenagerzeit auch noch nicht so lange her.
Als ich von Big Brothers Big Sisters erfuhr, war ich gerade dabei, mein Examensjahr zu planen, und ich wusste, dass ich die nächsten Monate größtenteils an meinem Schreibtisch zu Hause oder in der Unibibliothek verbringen würde. Mich einmal wöchentlich mit einer Jugendlichen zu treffen und mit ihr Dinge zu unternehmen, die ich sonst nicht oder eher selten machen würde, erschien mir als eine sinnvolle und willkommene Abwechslung zu meinem bevorstehenden Schreibtischprogramm. Außerdem hatte ich unter anderem Pädagogik studiert und fand es notwendig, neben meinem theoretischen Wissen auch praktische Erfahrungen zu machen. Insofern sah ich im Mentorenprogramm auch eine gute Chance, zusätzliche Kenntnisse im Umgang mit Kindern und Jugendlichen zu sammeln.
Inzwischen treffen meine „kleine Schwester“ Martina und ich uns schon seit über einem Jahr. Mit ihren mittlerweile 17 Jahren ist sie sehr selbstständig, was für unsere Treffen von Vorteil ist, da ich sie nicht abholen oder nach Hause bringen muss und wir uns meist an einem ausgemachten Punkt treffen können. Unsere gemeinsamen Nachmittage verbringen wir ganz unterschiedlich und meist sehr unkompliziert. Mal treffen wir uns bei mir zu Hause und „quatschen“, trinken Tee und hören Musik, kochen gemeinsam oder machen einen Spieleabend mit meiner WG. Ab und zu treffen wir uns in der Stadt zum Bummeln oder gehen an die Neckarwiese und hin und wieder sind wir sportlich unterwegs und gehen ins Schwimmbad, fahren Inliner, machen eine Wanderung auf den Königsstuhl oder gehen im Winter Schlittschuhfahren. Manchmal macht es aber einfach auch Sinn, die gemeinsame Zeit dafür zu nutzen, ein Referat zu üben, das sie in der Schule halten muss oder Englisch zu lernen, wenn eine wichtige Klassenarbeit ansteht. Können wir uns nicht treffen, telefonieren wir ausgiebig. Es freut mich sehr, wenn sie mir Dinge anvertraut oder mich um Rat fragt und mir zu verstehen gibt, dass ich für sie so etwas wie eine „große Schwester“ geworden bin.
Auch sie ist für mich mittlerweile wie eine „kleine Schwester“, die mir schon allein dadurch viel zurückgibt, wenn sie sich freut, mich zu sehen, sich dafür interessiert, wie es mir geht und was ich mache oder mich fragt, wann wir uns das nächste Mal treffen können. Die größte Bereicherung aber, die ich aus diesem Programm mitnehme, ist es zu erfahren, wie wichtig die „kleinen Dinge“ wie Dasein, Zuhören oder Echtheit im eigenen Handeln tatsächlich sind.
Flugzeuge anschauen
Jeremias hat seit fünf Monaten einen Mentor in Frankfurt.
Als Jeremias an seiner Grundschule den Flyer von Big Brothers Big Sisters sah, wusste er sofort: Solch einen „großen Bruder“, der mit mir Fußball oder Tischtennis spielt, wünsche ich mir auch. Zuhause erzählte er seiner Mutter davon; sie war einverstanden und meldete ihren achtjährigen Sohn beim Mentorenprogramm in Frankfurt an.
Vor knapp fünf Monaten hat Jeremias dann seinen Mentor Jochen Gabrisch kennengelernt und schon eine ganze Reihe spannende Sachen mit ihm unternommen: Bei ihrem ersten Treffen sind sie zum Flughafen gefahren und haben sich die Flugzeuge angeschaut, Kakao getrunken und gewettet, welches Flugzeug als erstes startet. Inzwischen waren sie auf einem Abenteuerspielplatz, haben „Versteckenfangen“ gespielt und Museen besucht.
Für das nächste Mal haben die beiden sich vorgenommen, alte Häuser anzuschauen. Außerdem möchte Jeremias gerne ein Rennauto mit seinem Mentor bauen, das sie zusammen starten lassen können. Auf der Wunschliste steht auch noch, Granatsplitter zu backen – Jeremias hat schon ein Rezept dafür. Beide freuen sich schon darauf, was sie noch alles gemeinsam erleben werden.
"Voll gut"
Ilknur und ihre Mentorin Carla starteten als erstes Tandem in Mannheim.
„Ich freu mich immer, wenn Carla kommt. Dann ist es nie langweilig. Wir machen immer tolle Sachen zusammen“, sagt Ilknur und strahlt. Die Elfjährige hat seit Mitte Januar eine Mentorin: Carla. Sie hat das Mädchen an diesem sonnigen Spätnachmittag in den Osterferien abgeholt, um mit ihr Federball auf den Neckarwiesen zu spielen. Ilknur hält zum ersten Mal einen solchen Schläger in der Hand und freut sich, wenn es ihr gelingt, den Federball über Carla hinweg fliegen zu lassen.
„Ich hatte schon länger nach einer Möglichkeit gesucht, mich ehrenamtlich zu engagieren“, erzählt die Mentorin. Als die wissenschaftliche Angestellte an der Universität Mannheim erfuhr, dass es Big Brothers Big Sisters jetzt auch in Deutschland gibt, zögerte sie nicht lange, sich anzumelden, da sie Mentorenprogramme für Kinder schon aus den USA kannte.
Carla durchlief dann das übliche Aufnahmeverfahren: Führungszeugnis, drei Empfehlungen aus dem privaten und beruflichen Umfeld, ein ausführliches persönliches Gespräch. „Da wurde genau geprüft, ob ich es auch wirklich ernst meine mit dem Engagement“, berichtet die 28-Jährige. „Aber das fand ich gut. Schließlich ist es eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, Mentorin für ein junges Mädchen zu sein.“
Als die Mitarbeiterin von Big Brothers Big Sisters Deutschland sie der Familie von Ilknur vorstellte, war es Sympathie auf den ersten Blick. Das türkische Mädchen erinnert sich noch genau an das erste Treffen zu zweit: „Wir wollten eigentlich Schlittschuh laufen, aber Carla hatte die Uhrzeit falsch gelesen. Die Eishalle war zu. Also sind wir in die Stadtbücherei gegangen. Da haben wir vier tolle Bücher ausgeliehen für mein Referat über Marienkäfer. Ich dachte immer, es gibt nur welche mit Punkten, aber es gibt ja auch welche ohne Punkte.“ Eislaufen sind die beiden dann bei ihrem zweiten Treffen gegangen.
Auch in der „langen Nacht der Museen“ in Mannheim waren sie zu zweit unterwegs, haben Handpuppen gebastelt und gemeinsam getöpfert. „Das war voll gut“, schwärmt Ilknur. Aber es müssen nicht immer Highlights sein. Einmal hat sie mit ihrer Mentorin das Referat über die Marienkäfer geübt und in der Schule eine gute Note dafür bekommen. Darüber freut sich das Mädchen noch heute – ebenso wie ihre Eltern. Sie sehen die Mentorin als hilfreiche Unterstützung für ihre Tochter.
Carla beschreibt ihre Rolle so: „Ich versuche nicht, Ilknur irgendwie zu formen oder ihr zu sagen, was sie tun soll. Meistens höre ich mehr zu.“ Und sie macht Vorschläge, was beide zusammen unternehmen könnten. Dabei versucht die „große Schwester“ eine gute Mischung zu finden aus einfachen Aktivitäten wie Federballspielen, die das junge Mädchen sonst nicht macht, und Dingen, die auch mal etwas kosten wie ein Kinobesuch. Ihr Fazit nach den ersten Monaten: „Ilknur macht es Spaß. Und mir macht es auch Spaß, etwas anderes zu erleben als den Joballtag.“












