Erfahrungsberichte
Welche Erfahrungen Erwachsene, Kinder und Jugendliche mit dem Mentorenprogramm von Big Brothers Big Sisters Deutschland gemacht haben, erzählen einige von ihnen hier.
Ein großer und ein kleiner Maximilian
Ein Tandem aus Hamburg erzählt
Max hat eigentlich nur große Brüder. Dabei wünscht er sich schon immer einen kleinen. Maxi hingegen findet das ziemlich verrückt, denn er hat schon einen kleinen Bruder. Den hat er auch sehr lieb, aber manchmal würde er trotzdem viel lieber etwas mit jemand anderem, älterem unternehmen.
Also hat Maxis Mama sich erkundigt, was man da machen könnte. Dabei ist sie auf ein Programm gestoßen, das sich „Big Brothers Big Sisters“ nennt. Das ist englisch und heißt übersetzt „Große Brüder Große Schwestern“. Die Leute dort vermitteln Kindern einen Mentor, weil sie glauben, dass das gut ist für die Entwicklung von jungen Menschen. Mentoren sind Erwachsene, die Lust haben, sich um ein Kind zu kümmern und mit ihm ganz viel zu unternehmen. So wie der große Max.
Beim ersten Treffen waren wir noch ein bisschen aufgeregt. Man bekommt ja schließlich nicht alle Tage einen neuen Bruder. Aber das hat sich schnell gelegt. Jetzt treffen wir uns jede Woche und machen viele tolle Sachen miteinander.
Wir waren zum Beispiel im Kino. Der große Max ist Reporter und schreibt manchmal über Filme in den Kindernachrichten, damit ihr Bescheid wisst, wenn etwas Spannendes im Kino läuft. Aber als wir zusammen Disneys „Weihnachtsgeschichte“ in 3D angeschaut haben, konnte Max entspannen. Die Filmkritik danach hat nämlich Maxi abgeliefert. Max hat ihn einfach nach seiner Meinung gefragt und die dann an die Redaktion geschickt. Dann stand Maxis Name in der Zeitung, da war er mächtig stolz!
Aber natürlich machen wir nicht jede Woche so außergewöhnliche Sachen. Manchmal sind wir auch einfach nur in Maxis Zimmer und lesen, spielen oder machen eine Kissenschlacht. Oder wir gehen auf den Abenteuerspielplatz. Da hat Maxi seinem Mentor ganz viele Klettertricks gezeigt. Dafür konnte Max beim Tischtennisspielen im Hinterhof seinem kleinen Bruder noch ein paar Tipps geben.
Und genau das ist das Besondere an unserer Freundschaft: Anders als zum Beispiel in der Schule, lernt hier der Kleine nicht nur vom Großen, sondern auch umgekehrt. Aber vor allem haben wir einfach viel Spaß miteinander.
MAXIMILIAN (MAXI) UND MAXIMILIAN GEYER (MAX)
Wolfgang und Enes
"Wenn wir etwas miteinander unternehmen, bin ich in einer ganz anderen Welt. Mentoring ist eine Zeitmaschine für mich – ich fühle mich 35 Jahre jünger!"
Wolfgang Nonnenmacher
"Bei unseren Treffen freue ich mich am meisten darauf, dass Wolfgang mir zuhört. Ich habe schon viel dazugelernt, vor allem über Autos, und ich kann besser Tischtennis spielen. Wir haben immer richtig viel Spaß, weil Wolfgang viele Scherze macht. Unser schönstes Erlebnis war, als wir Minigolf gespielt haben."
Enes, 13 Jahre
Kathrin und Sara
"Mentoring macht mir Freude, weil man so unheimlich tolle Sachen zusammen macht, die man sonst nicht machen würde. Man unternimmt ganz andere Aktivitäten, sieht viel mehr und bekommt die Augen geöffnet für Neues. Uns gehen nie die Ideen aus, was wir gemeinsam unternehmen könnten. Wir gehen gemeinsam ins Museum, Eislaufen oder bummeln. Aber wir backen und kochen auch oft. Von Sara habe ich gelernt, wie man Spaghetti wie eine richtige Italienerin kocht."
Kathrin Schönmann
"Mit Kathrin kann man super quatschen. Am liebsten backe ich mit ihr zusammen, das kann ich jetzt viel besser. Wenn wir zusammen ins Museum gehen, erklärt sie mir alles, was ich nicht verstehe."
Sara, 15 Jahre
Anselm und Daniel
"Ich finde es toll, dass ich für jemanden da sein kann, für den ich eine wichtige Person bin. Am liebsten gehen wir zusammen Schlittschuhlaufen. Es ist wichtig für Daniel, dass er einen zusätzlichen Ansprechpartner hat, mit dem er offen sprechen kann und dem er sich anvertrauen kann."
Anselm Breier
"An Anselm finde ich toll, dass er sich nie aus der Ruhe bringen lässt. Ich bin nämlich oft zappelig. Aber seit wir uns treffen, bin ich viel ruhiger geworden und kann auch besser mit anderen Kindern spielen. Wir machen viele neue Sachen zusammen. Anselm zeigt mir, wie Kampfsport geht und wie man angelt. Wir waren zusammen am Finkenbach und haben Forellen gefischt. Das hat Spaß gemacht."
Daniel, 8 Jahre
Gabriele und Cynthia
"Durch die Treffen mit Cynthia bekomme ich sehr viele Anregungen. Wir spielen auch mal gemeinsam ein Computerspiel, das würde ich alleine wahrscheinlich nicht ausprobieren. Auch freue ich mich, wenn Cynthia mir von der vergangenen Woche erzählt, was sie alles so erlebt hat.
Es gibt fast nichts, was wir nicht zusammen machen können. Das Tolle ist, dass wir beide sehr neugierig sind und gerne alles ausprobieren. Demnächst wollen wir in die Oper gehen."
Gabriele Held
"Am liebsten gehen Gabriele und ich zusammen ins Museum. Vor allem ins Technik-Museum, dort haben wir schon mal ein Flugzeugmodell designt und gebastelt. Jede Woche erzählen wir uns, was in der letzten Woche alles passiert ist. Das ist schön, weil sie so gut zuhören kann. Am tollsten fand ich es, als wir zusammen etwas gekocht haben, und den Nachtisch habe ich ganz alleine gemacht. Der hat super-lecker geschmeckt! Im Winter gehen auch wir Schlittschuhfahren. Das konnte ich am Anfang nicht, aber Gabriele hat es mir gezeigt."
Cynthia, 11 Jahre
Abwechslung zur Schreibtischarbeit
Eine Studentin beschreibt, weshalb sie sich als Mentorin engagiert.
Da ich aus eigener Erfahrung weiß wie schön es sein kann, eine vertraute Person außerhalb des familiären Umfelds, gerade im Teenageralter, zu haben, hat mich die Idee, welche hinter Big Brothers Big Sisters steht, sofort begeistert. Ich konnte mir gut vorstellen, Ansprechpartnerin für eine Jugendliche zu sein, mit ihr Dinge zu unternehmen, sie möglicherweise bei der Berufswahl zu unterstützen oder einfach nur ein offenes Ohr für sie zu haben. Darüber hinaus war ich mir sicher, dass es mir nicht schwer fallen würde, mich in sie und ihre aktuelle Situation hineinzuversetzen. Schließlich ist meine eigene Teenagerzeit auch noch nicht so lange her.
Als ich von Big Brothers Big Sisters erfuhr, war ich gerade dabei, mein Examensjahr zu planen, und ich wusste, dass ich die nächsten Monate größtenteils an meinem Schreibtisch zu Hause oder in der Unibibliothek verbringen würde. Mich einmal wöchentlich mit einer Jugendlichen zu treffen und mit ihr Dinge zu unternehmen, die ich sonst nicht oder eher selten machen würde, erschien mir als eine sinnvolle und willkommene Abwechslung zu meinem bevorstehenden Schreibtischprogramm. Außerdem hatte ich unter anderem Pädagogik studiert und fand es notwendig, neben meinem theoretischen Wissen auch praktische Erfahrungen zu machen. Insofern sah ich im Mentorenprogramm auch eine gute Chance, zusätzliche Kenntnisse im Umgang mit Kindern und Jugendlichen zu sammeln.
Inzwischen treffen meine „kleine Schwester“ Martina und ich uns schon seit über einem Jahr. Mit ihren mittlerweile 17 Jahren ist sie sehr selbstständig, was für unsere Treffen von Vorteil ist, da ich sie nicht abholen oder nach Hause bringen muss und wir uns meist an einem ausgemachten Punkt treffen können. Unsere gemeinsamen Nachmittage verbringen wir ganz unterschiedlich und meist sehr unkompliziert. Mal treffen wir uns bei mir zu Hause und „quatschen“, trinken Tee und hören Musik, kochen gemeinsam oder machen einen Spieleabend mit meiner WG. Ab und zu treffen wir uns in der Stadt zum Bummeln oder gehen an die Neckarwiese und hin und wieder sind wir sportlich unterwegs und gehen ins Schwimmbad, fahren Inliner, machen eine Wanderung auf den Königsstuhl oder gehen im Winter Schlittschuhfahren. Manchmal macht es aber einfach auch Sinn, die gemeinsame Zeit dafür zu nutzen, ein Referat zu üben, das sie in der Schule halten muss oder Englisch zu lernen, wenn eine wichtige Klassenarbeit ansteht. Können wir uns nicht treffen, telefonieren wir ausgiebig. Es freut mich sehr, wenn sie mir Dinge anvertraut oder mich um Rat fragt und mir zu verstehen gibt, dass ich für sie so etwas wie eine „große Schwester“ geworden bin.
Auch sie ist für mich mittlerweile wie eine „kleine Schwester“, die mir schon allein dadurch viel zurückgibt, wenn sie sich freut, mich zu sehen, sich dafür interessiert, wie es mir geht und was ich mache oder mich fragt, wann wir uns das nächste Mal treffen können. Die größte Bereicherung aber, die ich aus diesem Programm mitnehme, ist es zu erfahren, wie wichtig die „kleinen Dinge“ wie Dasein, Zuhören oder Echtheit im eigenen Handeln tatsächlich sind.
Flugzeuge anschauen
Jeremias hat seit fünf Monaten einen Mentor in Frankfurt.
Als Jeremias an seiner Grundschule den Flyer von Big Brothers Big Sisters sah, wusste er sofort: Solch einen „großen Bruder“, der mit mir Fußball oder Tischtennis spielt, wünsche ich mir auch. Zuhause erzählte er seiner Mutter davon; sie war einverstanden und meldete ihren achtjährigen Sohn beim Mentorenprogramm in Frankfurt an.
Vor knapp fünf Monaten hat Jeremias dann seinen Mentor Jochen Gabrisch kennengelernt und schon eine ganze Reihe spannende Sachen mit ihm unternommen: Bei ihrem ersten Treffen sind sie zum Flughafen gefahren und haben sich die Flugzeuge angeschaut, Kakao getrunken und gewettet, welches Flugzeug als erstes startet. Inzwischen waren sie auf einem Abenteuerspielplatz, haben „Versteckenfangen“ gespielt und Museen besucht.
Für das nächste Mal haben die beiden sich vorgenommen, alte Häuser anzuschauen. Außerdem möchte Jeremias gerne ein Rennauto mit seinem Mentor bauen, das sie zusammen starten lassen können. Auf der Wunschliste steht auch noch, Granatsplitter zu backen – Jeremias hat schon ein Rezept dafür. Beide freuen sich schon darauf, was sie noch alles gemeinsam erleben werden.
"Noch ein bisschen verlängern"
Murad und sein Mentor Sven üben Radfahren in Ludwigshafen.
Rechnen mag Murad gern, und darum hat er auch ruckzuck ausgerechnet, wie oft er seinen Mentor Sven Ritter seit dem Kennenlerntreffen vor drei Monaten gesehen hat: einmal in der Woche, macht zwölf Mal. Und schon gleich beim ersten Treffen hat der Elfjährige den neuen „großen Bruder“ gefragt: „Können wir nicht noch ein bisschen verlängern?“. Beide riefen die Mutter an, die auch zustimmte.
Sie erzieht ihre vier Kinder allein, dem Vater gelang die Flucht aus dem Irak nicht. Murad, der eine jüngere Schwester und ältere Zwillingsgeschwister hat, genießt die Treffen mit seinem Mentor Sven. Sie gehen zusammen in den Wildpark, rennen hinter Enten her, spielen Fußball oder besuchen ein Mittelalter-Fest. Einmal haben sie auch versucht, einen Rekord im Federballspielen aufzustellen: 28 x flog der Ball hin und her.
Sven Ritter hat selbst einen neun Monate alten Sohn und ist gerade in Elternzeit. Mit Murad trifft er sich am Samstag oder Sonntag, wenn seine berufstätige Frau sich um den eigenen Sohn kümmert. Der Servicemonteur für Brandschutzanlagen, der vor acht Jahren aus Dresden in die Rhein-Neckar-Region kam, sagt: „Mir geht es gut, ich führe ein normales Leben, aber ich weiß, dass es nicht jedem so gut geht, darum möchte ich etwas weitergeben.“
Für ihn ist ganz klar: „Das ist nicht nur ein Spiel, das ist auch eine hohe Verantwortung“ – was auch seine Umwelt beeindruckt. Als der 37-Jährige seinem Fahrradhändler erzählte, dass er jetzt ein Patenkind hat, bot der spontan an, ihm ein Kinderrad zu schenken. Jetzt will er mit Murad Radfahren üben, vorsichtshalber erst mal auf dem Feldweg Richtung Maxdorf. Und sicher fragt der neue „kleine Bruder“ dann wieder: „Können wir nicht noch ein bisschen verlängern?“
"Voll gut"
Ilknur und ihre Mentorin Carla starteten als erstes Tandem in Mannheim.
„Ich freu mich immer, wenn Carla kommt. Dann ist es nie langweilig. Wir machen immer tolle Sachen zusammen“, sagt Ilknur und strahlt. Die Elfjährige hat seit Mitte Januar eine Mentorin: Carla. Sie hat das Mädchen an diesem sonnigen Spätnachmittag in den Osterferien abgeholt, um mit ihr Federball auf den Neckarwiesen zu spielen. Ilknur hält zum ersten Mal einen solchen Schläger in der Hand und freut sich, wenn es ihr gelingt, den Federball über Carla hinweg fliegen zu lassen.
„Ich hatte schon länger nach einer Möglichkeit gesucht, mich ehrenamtlich zu engagieren“, erzählt die Mentorin. Als die wissenschaftliche Angestellte an der Universität Mannheim erfuhr, dass es Big Brothers Big Sisters jetzt auch in Deutschland gibt, zögerte sie nicht lange, sich anzumelden, da sie Mentorenprogramme für Kinder schon aus den USA kannte.
Carla durchlief dann das übliche Aufnahmeverfahren: Führungszeugnis, drei Empfehlungen aus dem privaten und beruflichen Umfeld, ein ausführliches persönliches Gespräch. „Da wurde genau geprüft, ob ich es auch wirklich ernst meine mit dem Engagement“, berichtet die 28-Jährige. „Aber das fand ich gut. Schließlich ist es eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe, Mentorin für ein junges Mädchen zu sein.“
Als die Mitarbeiterin von Big Brothers Big Sisters Deutschland sie der Familie von Ilknur vorstellte, war es Sympathie auf den ersten Blick. Das türkische Mädchen erinnert sich noch genau an das erste Treffen zu zweit: „Wir wollten eigentlich Schlittschuh laufen, aber Carla hatte die Uhrzeit falsch gelesen. Die Eishalle war zu. Also sind wir in die Stadtbücherei gegangen. Da haben wir vier tolle Bücher ausgeliehen für mein Referat über Marienkäfer. Ich dachte immer, es gibt nur welche mit Punkten, aber es gibt ja auch welche ohne Punkte.“ Eislaufen sind die beiden dann bei ihrem zweiten Treffen gegangen.
Auch in der „langen Nacht der Museen“ in Mannheim waren sie zu zweit unterwegs, haben Handpuppen gebastelt und gemeinsam getöpfert. „Das war voll gut“, schwärmt Ilknur. Aber es müssen nicht immer Highlights sein. Einmal hat sie mit ihrer Mentorin das Referat über die Marienkäfer geübt und in der Schule eine gute Note dafür bekommen. Darüber freut sich das Mädchen noch heute – ebenso wie ihre Eltern. Sie sehen die Mentorin als hilfreiche Unterstützung für ihre Tochter.
Carla beschreibt ihre Rolle so: „Ich versuche nicht, Ilknur irgendwie zu formen oder ihr zu sagen, was sie tun soll. Meistens höre ich mehr zu.“ Und sie macht Vorschläge, was beide zusammen unternehmen könnten. Dabei versucht die „große Schwester“ eine gute Mischung zu finden aus einfachen Aktivitäten wie Federballspielen, die das junge Mädchen sonst nicht macht, und Dingen, die auch mal etwas kosten wie ein Kinobesuch. Ihr Fazit nach den ersten Monaten: „Ilknur macht es Spaß. Und mir macht es auch Spaß, etwas anderes zu erleben als den Joballtag.“
"Du schaffst das"
Wie Ugur durch seinen Mentor Gerhard Steeb ermuntert wird
„Jaaaaa!!!!!!!“ tönt ein Freudenschrei durch den Speyerer Kletterwald. Ugur ist glücklich: Er hat es geschafft, von einem Baum zum anderen zu balancieren – in stolzen sieben Metern Höhe, wo auch manch Großer weiche Knie bekommt. Unbedingt wollte der Zehnjährige mit seinem Mentor Gerhard Steeb in der Waldanlage klettern gehen, die er schon einmal mit seiner Schulklasse besucht hatte. Unten am Boden, gleich hinter dem Eingang, hatte er ihm noch gezeigt, wo’s langgeht und wie man die beiden Karabinerhaken des Klettergurts richtig einhängt. Doch dann verließ ihn mitten im Parcours der Mut, und er stand zögernd auf einer Plattform. „Du schaffst das“, ermunterte ihn sein Mentor, und tatsächlich, nach längerem guten Zureden, packte Ugur das herunterhängende Seil zum Festhalten und traute sich, loszubalancieren. Klar, dass die Begeisterung sich in einem Tarzanschrei entlädt, als er glücklich die andere Seite erreicht hat.
Seit Anfang April 2007 bildet Gerhard Steeb ein Tandem mit dem Jungen, der nach den Ferien in die vierte Klasse kommt. „Ugur hat keine Geschwister, und wir können aus gesundheitlichen Gründen nicht viel mit ihm machen“, sagt seine türkische Mutter, die seit 35 Jahren in Deutschland lebt. „Wir sind froh, dass sein Mentor etwas mit Ugur unternimmt und unser Sohn nicht immer vor dem Fernseher sitzt.“
Gerhard Steeb hatte in der Zeitung von Big Brothers Big Sisters Deutschland gelesen und sich noch am selben Tag gemeldet – ebenso wie seine Frau. Er ist in Altersteilzeit und hat bis vor kurzem bei DaimlerChrysler in Stuttgart gearbeitet. „Ich habe eine Lehre als Kfz-Mechaniker und den Meister gemacht, anschließend Wirtschaft studiert und dann, mit 33 Jahren, bei Daimler angefangen. All die guten Erfahrungen, die ich gemacht habe, im Studium und in der Arbeit, möchte ich jetzt gern weitergeben“, erzählt der 61-Jährige, der selbst keine Kinder hat. „Ich möchte Ugur vermitteln, dass es sich lohnt, sich in der Schule anzustrengen“, erklärt Steeb und fügt schmunzelnd hinzu: „Und Sport müssen wir mit unserer Figur beide machen.“
Der Speyerer trifft sich häufig mit Freunden zum Schwimmen, fährt Rad, und er dreht regelmäßig seine Runden im Wald mit Mischlingshündin Polly. Nun freut sich Ugur, wenn er ihn dabei begleiten kann. Und Polly setzt sich brav, wenn Ugur „sitz!“ sagt, weil sie weiß, dass sie dann ein Bröckchen Hundefutter aus seiner Hosentasche bekommt.
An diesem Ferientag im Juli wollen die beiden nach dem überstandenen Kletterabenteuer noch schwimmen gehen, obwohl dunkle Wolken am Horizont Richtung Heidelberg hängen. „Das wird schon wegziehen“, ist Steeb überzeugt. Den Badesee haben sie fast für sich allein, nur zwei andere Kinder sind im Schlauchboot unterwegs. „Das Wasser ist wärmer als die Luft“, stellt Gerhard Steeb fröhlich fest, und Ugur will am Ende gar nicht wieder raus aus dem See.
Der Mentor ist nach wenigen Monaten schon ein großer Freund für ihn geworden, und die ganze Familie ist froh über sein Engagement. Als Ugur nicht an einer Klassenfahrt in den Pfälzer Wald teilnehmen mochte, bat seine Mutter Gerhard Steeb um Unterstützung. Der beriet sich mit einer Mitarbeiterin von Big Brothers Big Sisters und gab dann dem Jungen ein Kuscheltier mit einem Zettel mit, auf den er geschrieben hatte: „Ugur, du schaffst das“. Außerdem versprach er ihm, zur Belohnung ein Fest zu besuchen und dort mit ihm Karussell und Autoscooter zu fahren. Derart motiviert, traute sich der Junge dann doch. Und wie war es? „Es hat Spaß gemacht“, sagt Ugur und strahlt dabei fast so sehr wie auf dem Baum im Kletterwald.
Eine andere Sicht auf die Dinge entdecken
Eine Mentorin aus Speyer erzählt, warum sie mitmacht
„Ich wollte mich schon seit einiger Zeit sozial betätigen und war auf der Suche nach einem geeigneten Angebot, als ich auf das Mentorenprogramm von Big Brothers Big Sisters Deutschland stieß. Das war genau das Thema, das mich bewegt. Viele regen sich auf über Jugendliche, die nur rumhängen oder vor dem PC sitzen. Ich finde, wir sind alle aufgerufen, etwas zu tun, um der Jugend, die unsere Zukunft ist, andere Perspektiven aufzuzeigen. Der Mentoring-Ansatz ist super, weil Kinder am meisten mitnehmen, wenn sie etwas einfach vorgelebt bekommen.
Ich habe mich gleich angemeldet. Dass ich ein Führungszeugnis und drei Referenzen abgeben musste, hat mich nicht gestört – im Gegenteil. Es zeigt mir, dass es um eine seriöse Sache geht und dass die Auswahl der Mentoren ernst genommen wird.
Ich selbst habe keine Kinder. Für mich ist es toll, dass ich als Mentorin mit jungen Menschen in Kontakt komme. Ich fange an, über Dinge nachzudenken, mit denen ich mich vorher nie beschäftigt habe. Mein Mann findet die Idee ebenfalls toll und unterstützt mich sehr darin.
Nach der Aufnahme in das Programm gab es in Ludwigshafen einen Workshop zur Einführung. Das war eine sehr interessante Erfahrung, denn ich habe entdeckt, dass es auch eine andere Sicht auf die Dinge geben kann. Wir haben unter anderem den Fall durchgespielt, dass ein Kind fragt: „Kaufst Du mir etwas?“ Ich bin so erzogen worden, dass man grundsätzlich nicht um etwas bettelt, nicht mal um Kleinigkeiten. Auch für mich selbst würde ich im Kino nie Popcorn oder eine Cola kaufen. In der Diskussion stellte sich heraus, dass jüngere Mentoren größere Geschenke ebenfalls höchstens zum Geburtstag machen würden, aber kein Problem damit hätten, dem Kind eine Brezel oder ein Eis zu kaufen, wenn es danach fragt. Das hat mich erstmal zum Nachdenken gebracht, ob meine Haltung die einzig richtige ist. Es gibt eben viele Wahrheiten. Wir sind dann zu dem Schluss gekommen, dass es gut sein könnte, eine bestimmte Ausgaben-Grenze im Monat festzulegen. Wenn die erreicht ist, ist das Budget eben erschöpft.
Dann habe ich darauf gewartet, dass mir ein Mädchen vermittelt wurde. Das dauerte leider eine Weile, aber schließlich sollte es von den Interessen her auch zu mir passen, und da muss man etwas Geduld mitbringen.
Mitte März war es soweit: Eine Mitarbeiterin von Big Brothers Big Sisters Deutschland fragte mich, ob ich gern eine 15-Jährige treffen würde, deren Vater alleinerziehend ist. Sie beschrieb das Mädchen, und ich hatte gleich das Gefühl, das könnte gut passen.
Vor dem ersten Treffen war ich trotzdem ziemlich aufgeregt: Natürlich fragt man sich, ob die Chemie stimmen wird. Am folgenden Sonntagnachmittag hat uns die Mitarbeiterin des Mentorenprogramms miteinander bekannt gemacht. Wir fanden uns gleich sympathisch. Ich habe dem Mädchen von meinen Hobbys erzählt: Radfahren, Walken und Lesen. Sabine hat mir ihre Hamster gezeigt. Wir haben festgestellt, dass wir beide die Natur lieben. Das nächste Treffen haben wir gleich für die folgende Woche vereinbart. Dabei hat sie mir die Gegend gezeigt, in der sie lebt. Unterwegs hat sie viel erzählt, zum Beispiel von der Schule.
Beim zweiten Treffen haben wir einen Pferdehof in Dudenhofen besucht, deren Besitzerin ich kenne. Sabine liebt Pferde und hat viel Spaß daran, sie zu striegeln. Beim dritten Mal haben wir eine große Radtour in die Auwälder gemacht und Bärlauch gesammelt. Daraus habe ich Bärlauchpesto gemacht, und wir werden demnächst zusammen Nudeln dazu kochen.
Sabine wartet häufig schon auf mich, wenn ich sie abhole. Ich spüre, dass sie sich immer auf unsere gemeinsamen Unternehmungen freut, und mir geht es genauso. Ich kann vorher den größten Stress gehabt haben, aber von unseren Treffen komme ich immer entspannt nach Hause. Im Moment habe ich das Gefühl, ich bekomme mehr zurück, als ich gebe.
Elgin F.-S., Personalfachkauffrau, 53 Jahre, Speyer
"Aus der Langeweile raus"
Sabine, 15 Jahre, erzählt von sich und ihrer Mentorin.
An alle, die gern bei bei Big Brothers Big Sisters auf der Internetseite sind!
Ich heiße Sabine und ich bin seit Mitte März bei Big Brothers Big Sisters. Ich bin 15 Jahre alt und habe eine Mentorin, die Elgin heißt. Mit ihr habe ich schon vieles unternommen wie z.B. Bowlen, Eis essen, Heidelberger Zoo, ja und vieles mehr. Es macht voll Spaß, und dadurch hänge ich nicht so viel vor dem Fernseher und vor dem Computer rum und ich mache draußen nicht so viel Mist. Also Big Brothers Big Sisters ist dazu da, um Kinder aus der Langeweile raus zu holen, ihr müsst euch nur trauen, es zu wollen. Wir verbringen immer ein Mal in der Woche Zeit zusammen. Vorher machen wir einen Tag aus und überlegen, was wir machen wollen. Wir reden auch viel über uns. In den Ferien hatte ich eine Reiterfreizeit, da habe ich mich nicht mit Elgin beschäftigen können. Am ersten Tag, wo ich sie kennen gelernt habe, das war komisch, aber dann hatten wir viel Spaß, und das wünsche ich euch auch. Also hebt euren Popo und geht zu Big Brothers Big Sisters und meldet euch dort an, sie machen es gerne.
Bye Sabine











