Erfahrungsberichte
Eine andere Sicht auf die Dinge entdecken
Eine Mentorin aus Speyer erzählt, warum sie mitmacht.
„Ich wollte mich schon seit einiger Zeit sozial betätigen und war auf der Suche nach einem geeigneten Angebot, als ich auf das Mentorenprogramm von Big Brothers Big Sisters Deutschland stieß. Das war genau das Thema, das mich bewegt. Viele regen sich auf über Jugendliche, die nur rumhängen oder vor dem PC sitzen, Ich finde, wir sind alle aufgerufen, etwas zu tun, um der Jugend, die unsere Zukunft ist, andere Perspektiven aufzuzeigen. Der Mentoring-Ansatz ist super, weil Kinder am meisten mitnehmen, wenn sie etwas einfach vorgelebt bekommen.
Ich habe mich gleich angemeldet. Dass ich ein Führungszeugnis und drei Referenzen abgeben musste, hat mich nicht gestört – im Gegenteil. Es zeigt mir, dass es um eine seriöse Sache geht und dass die Auswahl der Mentoren ernst genommen wird.
Ich selbst habe keine Kinder. Für mich ist es toll, dass ich als Mentorin mit jungen Menschen in Kontakt komme. Ich fange an, über Dinge nachzudenken, mit denen ich mich vorher nie beschäftigt habe. Mein Mann findet die Idee ebenfalls toll und unterstützt mich sehr darin.
Nach der Aufnahme in das Programm gab es in Ludwigshafen einen Workshop zur Einführung. Das war eine sehr interessante Erfahrung, denn ich habe entdeckt, dass es auch eine andere Sicht auf die Dinge geben kann. Wir haben unter anderem den Fall durchgespielt, dass ein Kind fragt: „Kaufst Du mir etwas?“ Ich bin so erzogen worden, dass man grundsätzlich nicht um etwas bettelt, nicht mal um Kleinigkeiten. Auch für mich selbst würde ich im Kino nie Popcorn oder eine Cola kaufen. In der Diskussion stellte sich heraus, dass jüngere Mentoren größere Geschenke ebenfalls höchstens zum Geburtstag machen würden, aber kein Problem damit hätten, dem Kind eine Brezel oder ein Eis zu kaufen, wenn es danach fragt. Das hat mich erstmal zum Nachdenken gebracht, ob meine Haltung die einzig richtige ist. Es gibt eben viele Wahrheiten. Wir sind dann zu dem Schluss gekommen, dass es gut sein könnte, eine bestimmte Ausgaben-Grenze im Monat festzulegen. Wenn die erreicht ist, ist das Budget eben erschöpft.
Dann habe ich darauf gewartet, dass mir ein Mädchen vermittelt wurde. Das dauerte leider eine Weile, aber schließlich sollte es von den Interessen her auch zu mir passen, und da muss man etwas Geduld mitbringen.
Mitte März war es soweit: Eine Mitarbeiterin von Big Brothers Big Sisters Deutschland fragte mich, ob ich gern eine 15-Jährige treffen würde, deren Vater alleinerziehend ist. Sie beschrieb das Mädchen, und ich hatte gleich das Gefühl, das könnte gut passen.
Vor dem ersten Treffen war ich trotzdem ziemlich aufgeregt: Natürlich fragt man sich, ob die Chemie stimmen wird. Am folgenden Sonntagnachmittag hat uns die Mitarbeiterin des Mentorenprogramms miteinander bekannt gemacht. Wir fanden uns gleich sympathisch. Ich habe dem Mädchen von meinen Hobbys erzählt: Radfahren, Walken und Lesen. Sabine hat mir seine Hamster gezeigt. Wir haben festgestellt, dass wir beide die Natur lieben. Das nächste Treffen haben wir gleich für die folgende Woche vereinbart. Dabei hat sie mir die Gegend gezeigt, in der sie lebt. Unterwegs hat sie viel erzählt, zum Beispiel von der Schule.
Beim zweiten Treffen haben wir einen Pferdehof in Dudenhofen besucht, deren Besitzerin ich kenne. Sabine liebt Pferde und hat viel Spaß daran, sie zu striegeln. Beim dritten Mal haben wir eine große Radtour in die Auwälder gemacht und Bärlauch gesammelt. Daraus habe ich Bärlauchpesto gemacht, und wir werden demnächst zusammen Nudeln dazu kochen.
Sabine wartet häufig schon auf mich, wenn ich sie abhole. Ich spüre, dass sie sich immer auf unsere gemeinsamen Unternehmungen freut, und mir geht es genauso. Ich kann vorher den größten Stress gehabt haben, aber von unseren Treffen komme ich immer entspannt nach Hause. Im Moment habe ich das Gefühl, ich bekomme mehr zurück, als ich gebe.
Elgin Fader-Sattler, Personalfachkauffrau, 53 Jahre, Speyer